Mit Black Music (Gospels, Spirituals, Soul, R&B, HipHop) assoziiert der gemeine Mitteleuropäer primär gefühlvolle, zumeist religiöse amerikanische Songs, von Chören und zunehmend auch Solisten - und liegt damit gar nicht mal so falsch.
Viele Rock-, Pop- oder HipHop-Hits aus den uns bekannten Medien adaptieren Elemente aus der Black Music oder sind gar moderne Interpretationen traditioneller Gospelsongs (zum Beispiel: "Kum bah ya" von Michael Mittermaier und den Guano Apes). Prämierte
Kinofilme wie "Sister Act" trugen in den vergangenen Jahren sehr zur Popularität der Black Music bei. Wie GoGospel seit Jahren unter Beweis stellt, hat das "Fieber der schwarzen Musik" mittlerweile längst auch Laienmusikanten ergriffen. Menschen nehmen mitunter größere Strapazen auf sich, um innerhalb von Workshops oder Gospelwochenenden dieser Musik näher zu kommen.
Liebe zu einer Musik, deren Inhalte, Motivationen und Geschichte angesichts der kraftvollen Songs oft in den Hintergrund rückt.
Black Music bedarf einer genauen Beschäftigung mit eben jenen, angesprochenen Elementen. Nur mit dem Wissen um die Hintergründe, die Entstehung dieses Stils ist ein authentisches Hören und aktives Ausüben eigentlich erst möglich.
Die heutige Black Music geht auf die berühmten Spirituals der schwarzen Sklaven in Amerika zurück. Getrennt von ihren Familien, tausende Kilometer entfernt von zu Hause fanden sich diese Sklaven nach langen und gefährlichen Schiffsreisen, die nur ein Teil der Gefangenen überlebte, in einem fremden Land wieder. Ein Schicksal, das seit 1619 mehrere Millionen Männer, Frauen und Kinder aus verschiedenen Gegenden Afrikas erlitten.
In einer völlig fremden Kultur, unter regelrecht erbärmlichen Bedingungen wie Tiere gehalten, gab es für die Schwarzen nur wenig Gelegenheit, Ruhe zu finden und sich an seine Herkunft, seine Traditionen und Religionen zu erinnern. Was wie ein billiges Klischee aus "Onkel Tom's Hütte" klingt entspricht leider auch unter strengen wissenschaftlichen Aspekten und Auflagen der Realität. Es ist im übrigen eben jene Geschichte von Harriet Beecher-Stowe, in der die widrigen Lebensumstände dieser Zeit am realistischsten wiedergegeben sind.
Ausgerechnet im Glauben der weißen Unterdrücker fanden die Sklaven Halt und Hoffnung. Der christliche Glaube mit der Guten Nachricht vom Gott der Liebe und Jesus Christus als Retter dieser Welt bildete die Basis für eine Musik, die in ihren verschiedenen Spielarten viele Millionen Menschen bis heute tief beeindruckt. Und die - das sollte nicht unterschlagen werden - vielen Musikern, Produzenten bzw. Plattenfirmen immer wieder größte Erfolge beschert.
Insbesondere Ereignisse des Alten Testament dienten als Grundlage für unzählige dieser Songs, von denen einige Hundert bis heute überliefert sind. Das Schicksal des Volkes Israel in der Sklaverei in Ägypten bot viele Parallelen zur Situation der Sklaven in Amerika.
Das Verlangen nach Freiheit und die Kritik am System der Sklaverei wurden meist nur versteckt, fabelgleich zwischen den Zeilen geäußert. Die Suche nach Freiheit hier auf Erden fand ihren musikalischen Ausdruck in dem häufig vorkommenden Motiv des ewigen Lebens beim liebenden Vater im Himmel.
Viele der Gottesdienste mit Gebeten um Erlösung von Ungerechtigkeit und Leid fanden in dieser Zeit fernab von den Ohren der Sklavenhalter statt, als sogenannte Camp Meetings an geheimen Plätzen, wo man dann nur leise predigen, beten und singen konnte und die deshalb Hush Harbors (Stiller Hafen) genannt wurden.
In einigen Spirituals vermutet man auch buchstäblich codierte Nachrichten zur Fluchthilfe. Es gab ein System von Geheimpfaden und Menschen (beider Hautfarben), die als Fluchthelfer fungierten, die immer wieder Sklaven aus der Gefangenschaft im Süden der amerikanischen Staaten in die Freiheit in den Norden halfen. Dieses System wurde die "Underground Railroad" (Untergrund Eisenbahn) genannt.
Die Spirituals gelten als die einzigen original in Amerika entstandenen Volkslieder. Wie auch bei unseren mitteleuropäischen Volksliedern ist es nicht möglich den Komponisten für ein bestimmtes Lied zu benennen. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass Musiker einen Song schufen, ein anderer Sänger den Song hörte und weitertrug, dabei seine eigene Interpretation einbrachte und dadurch die Versionen von Songs entstanden, die wir heute kennen. Für die Entstehung eines Spirituals wie auch eines jeden anderen Volksliedes gibt es drei Möglichkeiten:
- Improvisation und Variation eines bereits existierenden Songs
- Kombination von Materialien aus verschiedenen alten Arrangements zu einem neuen Song und:
- Komposition eines komplett neuen Liedes.
In der afrikanischen Tradition spielt der erste Weg die größte Rolle und in der Tat, auch die amerikanischen Spirituals entstanden und leben besonders durch das Mittel der Improvisation. Die Melodien dienen oft "nur" als Mittel, um einen Text zu transportieren. Sie sind deshalb häufig so stark vom Text abhängig, dass sie von einer Strophe zur anderen sehr variieren können.
Mit dem Ende des Bürgerkrieges um 1870 begann eine neue Zeit. Der Süden der Vereinigten Staaten von Amerika mit seiner auf Landwirtschaft basierenden, und von Sklaverei abhängigen Wirtschaft verlor gegen den vor allem durch leistungsfähige Industrie mächtigen Norden, in dem die Sklaverei abgeschafft war. Etwa vier Millionen Sklaven wurden offiziell freigelassen und waren nun voll neuer Hoffnung. Viel sollte sich allerdings nicht ändern. Zwar war man vom Gesetz befreit, die ärmlichen Lebensbedingungen aber blieben die gleichen. Die Mehrheit der Schwarzen blieb im Süden, wo sie nun für wenig Geld auf den gleichen Plantagen wie schon zuvor arbeiteten, unter den selben Besitzern, die ihre über Jahrhunderte gefestigten Rassenvorurteile weiter offen bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus auslebten.
Aus dieser Zeit resultieren die ersten Gospelsongs. Unterschieden wird zwischen dem traditionellen (etwa seit 1870 bis in die 50er Jahre entstanden) und dem zeitgenössischen oder "Contemporary" Gospelsong (seit den 60ern bis heute). Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich mit dem Blues ein sehr verwandter Musikstil . Beide Formen haben musikalische Mittel gemeinsam, wie die Rhythmisierung, die Phrasierung im Gesang, zum Teil auch die Harmonik. Inhaltlich nähern sich beide musikalische Formen den existenten gesellschaftspolitischen Problemen aber von verschiedenen Seiten: der Blues mit einer säkularisierten Sicht, die Gospelmusik aus der Perspektive des christlichen Glaubens und seiner Werte. Unterschiede ohne zwingende Konsequenzen, denn viele der bekanntesten Gospelmusiker begannen ihre Karriere mit Blueser und umgekehrt.
Gerade die musikalische Nähe zum Blues machte es der Gospelmusik in den Kinderschuhen aber auch sehr schwer, in den konservativen Kirchen Einzug zu halten. Die Musik der Schwarzen wurde oft sogar als "Musik des Teufels" verdammt.
Eine Meinung, die sich glücklicherweise nicht durchsetzen konnte. Heute ist die Black Music, insbesondere die Gospelmusik, fester Bestandteil von Gottesdiensten auf der ganzen Welt und ebenso der diversen Musikmedien. Sie gehört in ihren vielen Variationen zu den populärsten Spielarten der modernen U-Musik, wenngleich auch inhaltlich kaum noch eine Verwandtschaft zu den Ursprüngen nachzuweisen ist.